Wussten Sie, dass eine medizinisch festgestellte Mitwirkung von nur 40 % an einem Knieschaden Ihre Auszahlung von 200.000 € auf 76.000 € drücken kann? Das sind 124.000 € Verlust – obwohl der Unfall unbestritten stattgefunden hat. Der Grund: Leistungskürzungen greifen in der privaten Unfallversicherung häufiger als gedacht, und die meisten Versicherten erfahren erst im Schadensfall, welche Klauseln ihre Auszahlung mindern.
Dieser Ratgeber erklärt alle vier Kürzungsgründe, zeigt an konkreten Rechenbeispielen, wie sich selbst geringe Abzüge durch die Progression vervielfachen, und macht deutlich, worauf Sie bei Tarifwahl und Schadenregulierung achten sollten.
Das Wichtigste in Kürze
- Vier Gründe können zu einer Leistungskürzung führen: Mitwirkungsanteil, Vorinvalidität, grobe Fahrlässigkeit und Obliegenheitsverletzungen – wobei der Mitwirkungsanteil mit Abstand am häufigsten vorkommt.
- Die Kürzung greift erst ab einem vertraglich vereinbarten Schwellenwert – Standard-Tarife kürzen bereits ab 25 % Mitwirkung, Premium-Tarife erst ab 75 % oder verzichten komplett.
- Durch die Progression wirkt sich selbst ein moderater Mitwirkungsanteil überproportional auf die Kapitalauszahlung aus – bei 350 % Progression kann eine 40-%-Mitwirkung über 60 % der Leistung kosten.
- Der Versicherer trägt die Beweislast dafür, dass eine Vorerkrankung am Unfallschaden mitgewirkt hat und der Schwellenwert erreicht ist – Zweifel gehen zu Lasten des Versicherers.
- Wichtige Schutzklausel: Versäumt der Versicherer die Belehrung über Invaliditätsfristen gemäß § 186 VVG, kann er sich nicht auf Fristversäumnisse berufen.
- Ein hoher Schwellenwert oder vollständiger Verzicht auf die Mitwirkungsklausel im Tarif verhindert die häufigste Kürzungsursache – und kostet oft nur wenige Euro mehr pro Monat.
Was bedeutet Leistungskürzung in der privaten Unfallversicherung?
Eine Leistungskürzung liegt vor, wenn der Versicherer die nach dem Vertrag eigentlich zustehende Zahlung ganz oder teilweise verweigert – nicht weil kein Unfall passiert ist, sondern weil ein zusätzlicher Umstand den Anspruch mindert. Das Tückische: Viele Versicherte rechnen nach einem anerkannten Unfall mit der vollen Leistung und werden erst durch den Regulierungsbescheid mit der Kürzung konfrontiert.
Die Gründe für eine Kürzung lassen sich in zwei Kategorien einteilen. Materiell-rechtliche Kürzungen betreffen den Leistungsumfang selbst: Eine bestehende Erkrankung hat am Unfallschaden mitgewirkt, ein Körperteil war vorher schon geschädigt, oder der Versicherte hat den Unfall durch grobe Fahrlässigkeit herbeigeführt. Formell-rechtliche Kürzungen dagegen greifen, wenn der Versicherte Vertragspflichten verletzt hat – etwa indem er Fristen versäumt oder falsche Angaben macht.
In der Praxis dominiert der Mitwirkungsanteil: Er betrifft vor allem Versicherte mit Vorerkrankungen wie Arthrose, Diabetes oder Bandscheibenverschleiß – also einen erheblichen Teil der Bevölkerung jenseits der 40. Gleichzeitig ist er der Kürzungsgrund, der sich durch die richtige Tarifwahl am wirksamsten entschärfen lässt.
Weiterführend: Was leistet eine Unfallversicherung
Mitwirkungsanteil – der häufigste Grund für Leistungskürzungen

Der Mitwirkungsanteil ist in § 182 VVG geregelt und bildet die mit Abstand häufigste Ursache für Leistungskürzungen in der privaten Unfallversicherung. Das Grundprinzip: Wenn eine bereits vor dem Unfall bestehende Krankheit oder ein Gebrechen an der Gesundheitsschädigung oder an deren Folgen mitgewirkt hat, kann der Versicherer die Leistung anteilig kürzen.
Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen drei Begriffen, die in der Praxis immer wieder verwechselt werden.
Krankheit bezeichnet einen regelwidrigen Körperzustand, der ärztliche Behandlung erfordert oder Arbeitsunfähigkeit verursacht. Wer wegen einer chronischen Erkrankung wie Diabetes oder Rheuma in regelmäßiger Behandlung ist, fällt klar in diese Kategorie.
Gebrechen meint einen dauerhaften abnormen Gesundheitszustand, der die normale Körperfunktion beeinträchtigt – etwa eine angeborene Fehlstellung oder ein steifes Gelenk nach einer früheren Operation.
Altersüblicher Verschleiß hingegen ist nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs kein Gebrechen und darf daher nicht als Mitwirkungsanteil angerechnet werden. Diese Abgrenzung ist in der Praxis Gold wert, denn Versicherer versuchen regelmäßig, altersbedingten Verschleiß – etwa an der Wirbelsäule oder den Kniegelenken – als anrechnungsfähiges Gebrechen einzustufen.
Ebenso wichtig: Klinisch stumme Zustände, also Befunde, die vor dem Unfall keinerlei Beschwerden verursacht haben und keiner Behandlung bedurften, gelten nach der BGH-Rechtsprechung nicht als Krankheit oder Gebrechen. Ein Bandscheibenvorfall, der im MRT sichtbar war, aber nie Schmerzen verursacht hat, darf nicht zur Kürzung herangezogen werden.
Was der Bundesgerichtshof dazu entschieden hat
Drei Leitentscheidungen des BGH prägen die aktuelle Rechtslage und stärken die Position der Versicherten erheblich:
BGH, Beschluss vom 27.01.2016 – IV ZR 312/14 (Schulter/Rotatorenmanschette): Der BGH stellte klar, dass altersüblicher Verschleiß und klinisch stumme Zustände kein Gebrechen im Sinne der Unfallversicherung sind. Vorerkrankungen, die vor dem Unfall beschwerdefrei waren und keiner Behandlung bedurften, dürfen nicht als Mitwirkungsanteil angerechnet werden – auch dann nicht, wenn sie im Nachhinein im Gutachten als „vorbestehend" bezeichnet werden.
BGH, Urteil vom 19.10.2016 – IV ZR 521/14 (Wirbelsäule/Spinalkanalstenose): In diesem Urteil machte der BGH deutlich, dass bloße Mitursächlichkeit des Unfalls für die Invalidität genügt. Die aus dem Sozialversicherungsrecht bekannte Figur der „Gelegenheitsursache" – also die Behauptung, der Unfall habe den Schaden nur zufällig ausgelöst – darf im Privatversicherungsrecht nicht angewendet werden. Für Versicherte bedeutet das: Solange der Unfall den Dauerschaden mitverursacht hat, besteht grundsätzlich Anspruch auf Invaliditätsleistung.
BGH, Urteil vom 23.11.2011 – IV ZR 70/11 (Beweismaß): Der Versicherer muss den Mitwirkungsanteil im Vollbeweis nach § 286 ZPO nachweisen – also zur vollen Überzeugung des Gerichts belegen, dass eine Krankheit oder ein Gebrechen vorlag und in einem bestimmten Mindestmaß mitgewirkt hat. Bloße Wahrscheinlichkeiten oder pauschale Gutachtereinschätzungen reichen nicht aus. Jeder Zweifel geht zu Lasten des Versicherers.
Schwellenwerte: Wie viel Mitwirkung der Tarif toleriert
Der Mitwirkungsanteil führt nicht automatisch zur Kürzung. In den Allgemeinen Unfallversicherungsbedingungen (AUB 2020 des GDV) ist ein Schwellenwert von 25 % vorgesehen: Erst wenn die Mitwirkung diesen Wert erreicht oder übersteigt, darf der Versicherer kürzen. Viele bessere Tarife heben diese Schwelle deutlich an – oder verzichten ganz auf die Anrechnung.
Der Unterschied zwischen einem Standard-Tarif und einem Tarif mit Verzichtsklausel kann im Schadensfall sechsstellige Beträge ausmachen – wie das Rechenbeispiel weiter unten zeigt. Der Mehrpreis für einen höheren Schwellenwert liegt bei den meisten Versicherern im einstelligen Euro-Bereich pro Monat.
Unser Tipp: Vereinbaren Sie bei Vertragsabschluss mindestens einen Schwellenwert von 50 %. Wer bereits Vorerkrankungen hat oder über 40 ist, sollte einen Tarif mit vollständigem Verzicht auf die Mitwirkungsklausel wählen – das ist die günstigste Absicherung gegen den häufigsten Kürzungsgrund.
Weiterführend: Wichtige Leistungen der privaten Unfallversicherung
Vorinvalidität, grobe Fahrlässigkeit und Obliegenheitsverletzungen

Neben dem Mitwirkungsanteil gibt es drei weitere Gründe, aus denen der Versicherer die Leistung kürzen oder ganz verweigern kann. Jeder folgt einer eigenen Logik – und erfordert unterschiedliche Gegenmaßnahmen.
Vorinvalidität: Wenn das Körperteil schon vorher geschädigt war
Die Vorinvalidität (geregelt in AUB Ziff. 2.1) greift, wenn das vom Unfall betroffene Körperteil oder Sinnesorgan bereits vor dem Unfall dauerhaft geschädigt war. Der Unterschied zum Mitwirkungsanteil ist praxisrelevant: Während der Mitwirkungsanteil die anteilige Kürzung wegen einer Krankheit betrifft, die am Unfallgeschehen mitgewirkt hat, erfasst die Vorinvalidität einen bereits bestehenden Dauerschaden am selben Körperteil.
Die Berechnung funktioniert anders. Bei der Vorinvalidität wird der vorbestehende Invaliditätsgrad direkt abgezogen – unabhängig davon, ob er am Unfall mitgewirkt hat. Hatte Ihr rechtes Knie vor dem Unfall beispielsweise einen Vorinvaliditätsgrad von 10 % und beträgt die unfallbedingte Invalidität 40 %, erhalten Sie eine Leistung auf Basis von 30 %.
Grundsätzlich ist nach einem BGH-Beschluss (IV ZR 481/15 vom 18.01.2017) ein kumulativer Abzug beider Kürzungsgründe – Mitwirkungsanteil und Vorinvalidität – zulässig. Allerdings stellt der BGH an diesen doppelten Abzug extrem hohe Beweisanforderungen an den Versicherer: Er muss für beide Kürzungsgründe separat den Vollbeweis führen. In der Praxis scheitern Versicherer daran regelmäßig.
Grobe Fahrlässigkeit und Alkohol
Wer den Versicherungsfall durch grobe Fahrlässigkeit herbeiführt, muss gemäß § 81 Abs. 2 VVG mit einer Quotenkürzung rechnen. „Grob fahrlässig" handelt, wer die im Verkehr erforderliche Sorgfalt in besonders schwerem Maß verletzt – also nicht jede leichte Unachtsamkeit, sondern nur ein erhebliches Fehlverhalten.
Der häufigste Anwendungsfall ist Alkohol. Die Rechtsprechung hat hier ein abgestuftes System entwickelt, das sich an der Blutalkoholkonzentration (BAK) orientiert:
Zwischen 0,3 ‰ und 1,09 ‰ liegt eine Grauzone, in der der Versicherer einen konkreten Zusammenhang zwischen dem Alkoholkonsum und dem Unfallhergang nachweisen muss. Ein Sturz im häuslichen Umfeld nach einem Glas Wein ist etwas anderes als ein Verkehrsunfall mit alkoholtypischen Fahrfehlern.
Ab 1,1 ‰ kehrt sich die Beweislast faktisch um: Die absolute Fahruntüchtigkeit begründet eine widerlegbare Vermutung grober Fahrlässigkeit, und der Versicherte müsste nachweisen, dass der Alkohol keine Rolle gespielt hat – was in der Praxis kaum gelingt.
Weiterführend: Private Unfallversicherung und Alkohol: Wann der Versicherungsschutz entfällt
Fristen und Obliegenheiten: Die formellen Kürzungsfallen
Neben den inhaltlichen Kürzungsgründen droht Leistungsverlust durch die Nichteinhaltung vertraglicher Fristen. Drei Fristen sind hier entscheidend:
- Invaliditätseintritt: Die Invalidität muss innerhalb von 12 bis 15 Monaten nach dem Unfall eingetreten sein – das heißt, der dauerhafte Gesundheitsschaden muss sich in dieser Zeit manifestiert haben.
- Ärztliche Feststellung: Ein Arzt muss die Invalidität innerhalb von 12, 15 oder 24 Monaten (je nach Tarif) nach dem Unfall schriftlich festgestellt haben. Ein Arztbericht allein genügt nicht – die Feststellung muss die dauernde Beeinträchtigung der körperlichen Leistungsfähigkeit ausdrücklich benennen.
- Geltendmachung beim Versicherer: Die Invaliditätsansprüche müssen innerhalb von 15 bis 24 Monaten beim Versicherer geltend gemacht werden.
Wer eine dieser Fristen versäumt, riskiert den vollständigen Verlust seines Anspruchs. Allerdings gibt es eine wichtige Schutzklausel: Nach § 186 VVG muss der Versicherer den Versicherten schriftlich auf die Fristen und deren Rechtsfolgen hingewiesen haben. Fehlt diese Belehrung – und das kommt in der Praxis häufiger vor als vermutet –, kann sich der Versicherer nicht auf das Fristversäumnis berufen. Prüfen Sie daher bei jeder Leistungsablehnung wegen Fristversäumnis als Erstes, ob eine ordnungsgemäße Belehrung vorliegt.
Weiterführend: Private Unfallversicherung: wann lohnt sie sich
Die Hebelwirkung der Progression – warum kleine Kürzungen teuer werden

Die Progression ist einer der wichtigsten Leistungsbausteine in der privaten Unfallversicherung: Ab einem bestimmten Invaliditätsgrad steigt die Auszahlung überproportional an. Was bei voller Leistung ein Segen ist, wird bei einer Kürzung zum Problem – denn der Mitwirkungsanteil wirkt sich nicht linear, sondern exponentiell auf die Auszahlung aus.
Ein Modellbeispiel zeigt, wie drastisch dieser Hebeleffekt ausfallen kann:
Ausgangslage: Ein Versicherter hat eine Versicherungssumme von 100.000 €, eine vereinbarte Progression von 350 % und erleidet eine Knieverletzung mit einem Invaliditätsgrad von 70 % laut Gliedertaxe. Ein Gutachter stellt eine Mitwirkung von 40 % durch bestehende Arthrose und Adipositas fest.
Ohne Kürzung ergibt sich bei 70 % Invalidität und 350 % Progression ein Progressionsfaktor von 200 %. Die Auszahlung beträgt 200.000 €.
Mit Kürzung (Standard-Tarif, Schwellenwert 25 %): Der geminderte Invaliditätsgrad berechnet sich als 70 % minus (70 % × 40 %) = 42 %. Bei 42 % Invalidität und 350 % Progression liegt der Progressionsfaktor nur noch bei 76 %. Die Auszahlung sinkt auf 76.000 €.
Ausgangswerte: Versicherungssumme 100.000 €, Progression 350 %, Invaliditätsgrad 70 % (Knie, Gliedertaxe), Mitwirkungsanteil 40 % (Arthrose/Adipositas). Die Progressionsberechnung folgt dem gängigen Staffelmodell.
Der Effekt ist dramatisch: Die medizinische Mitwirkung beträgt 40 %, der finanzielle Verlust aber 62 %. Diese Diskrepanz entsteht, weil die Kürzung den Invaliditätsgrad nach unten drückt – und damit aus dem Bereich herausfällt, in dem die Progression ihre höchste Hebelwirkung entfaltet. Je höher die vereinbarte Progression, desto stärker schlägt ein Mitwirkungsanteil durch.
Das erklärt auch, warum gerade Versicherte mit hoher Progression besonders sorgfältig auf die Mitwirkungsklausel achten sollten. Eine Progression von 500 % oder 700 % bringt wenig, wenn die Auszahlung am Ende durch einen Standard-Schwellenwert von 25 % zusammenschrumpft.
Unser Tipp: Wer eine Progression von 300 % oder mehr vereinbart, sollte mindestens eine Mitwirkungsklausel mit Schwellenwert ab 50 % wählen – besser noch den vollständigen Verzicht. Andernfalls verpufft der Progressionsvorteil im Schadensfall.
Weiterführend: Progression in der Unfallversicherung
Typische Fallstricke bei Leistungskürzungen

Zwischen Unfall und Auszahlung liegen viele Stolperfallen. Einige davon lassen sich durch die richtige Tarifwahl von vornherein vermeiden, andere erfordern aufmerksames Handeln im Schadensfall.
Auffällig ist: Die meisten dieser Fallstricke lassen sich auf zwei Ursachen zurückführen – einen unzureichenden Tarif und mangelnde Kenntnis der eigenen Rechte im Schadensfall. Beides ist vermeidbar.
Kürzungsvermerk erhalten – was Sie jetzt tun sollten

Wer einen Regulierungsbescheid mit gekürzter Leistung erhält, sollte diesen nicht einfach akzeptieren. Die Erfahrung zeigt: Kürzungen beruhen häufig auf fehlerhaften Gutachten, rechtswidrigen Klauselauslegungen oder der falschen Annahme, altersüblicher Verschleiß sei ein Gebrechen.
Ein entscheidender Punkt ist die Beweislastverteilung. In einem Streit über die Leistungskürzung müssen Sie als Versicherter lediglich den Unfall, den daraus resultierenden Dauerschaden und die Einhaltung der vertraglichen Fristen beweisen. Der Versicherer dagegen trägt die gesamte Beweislast dafür, dass eine Krankheit oder ein Gebrechen vorlag, dass diese in einem bestimmten Maß am Schaden mitgewirkt hat und dass der vertragliche Schwellenwert erreicht ist. Bei grober Fahrlässigkeit muss der Versicherer sowohl das Vorliegen als auch die Schwere der Fahrlässigkeit beweisen.
Das bedeutet: Jeder Zweifel an der Mitwirkung geht zu Ihren Gunsten.
Gehen Sie bei einem Kürzungsvermerk in fünf Schritten vor:
- Schritt 1: Vollständige Schadenakte anfordern. Verlangen Sie schriftlich alle Gutachten, den Regulierungsvermerk und die Korrespondenz. Darauf haben Sie Anspruch.
- Schritt 2: Belehrung nach § 186 VVG prüfen. Hat der Versicherer Sie vor der Frist schriftlich auf die Invaliditätsfristen und deren Rechtsfolgen hingewiesen? Fehlt die Belehrung, kann er sich nicht auf ein Fristversäumnis berufen – selbst wenn Sie die Frist tatsächlich versäumt haben.
- Schritt 3: Gutachten medizinisch prüfen lassen. Die häufigsten Schwachstellen in Versicherer-Gutachten: Altersüblicher Verschleiß wird als Krankheit gewertet, klinisch stumme Befunde werden als Gebrechen eingestuft, Mitwirkungsquoten werden pauschal statt evidenzbasiert angesetzt. Ein medizinisches Gegengutachten durch einen unabhängigen Facharzt deckt diese Fehler auf.
- Schritt 4: Versicherungsombudsmann einschalten. Das Verfahren beim Versicherungsombudsmann ist kostenlos und außergerichtlich. Schlichtungssprüche sind bis zu einem Beschwerdewert von 10.000 € für den Versicherer bindend, bis 100.000 € kann der Ombudsmann eine Empfehlung aussprechen. Wichtig: Das Verfahren hemmt die dreijährige Verjährungsfrist.
- Schritt 5: Fachanwalt für Versicherungsrecht einschalten. Bei höheren Streitwerten oder komplexen medizinischen Sachverhalten ist ein spezialisierter Anwalt die richtige Wahl. Die Kosten stehen oft in keinem Verhältnis zur möglichen Nachzahlung – im obigen Rechenbeispiel geht es um 124.000 €.
Wichtig: Akzeptieren Sie eine Kürzung nie, ohne die Beweislage geprüft zu haben. Die häufigsten Kürzungsgründe halten einer fachlichen Überprüfung nämlich nicht stand.
Weiterführend: Unfallversicherung ohne Gesundheitsfragen
Fazit: Leistungskürzung ist kein Schicksal – aber ohne Vorbereitung teuer

Leistungskürzungen in der privaten Unfallversicherung treffen vor allem diejenigen, die sich bei der Tarifwahl nicht mit der Mitwirkungsklausel beschäftigt haben. Die Hebelwirkung der Progression macht aus einer moderaten medizinischen Mitwirkung von 40 % einen finanziellen Verlust von über 60 % – ein Missverhältnis, das durch die richtige Tarifgestaltung vollständig vermeidbar ist.
- Vor dem Schadensfall entscheidet der Tarif: Ein Schwellenwert ab 50 % oder der vollständige Verzicht auf die Mitwirkungsklausel kostet wenige Euro mehr pro Monat und schützt vor dem häufigsten Kürzungsgrund.
- Im Schadensfall entscheidet die Reaktion: Fristen einhalten, Gutachten prüfen lassen, Belehrungspflicht des Versicherers kontrollieren.
- Nach einer Kürzung entscheidet die Gegenwehr: Die Beweislast liegt beim Versicherer, und viele Kürzungen basieren auf fehlerhaften Gutachten oder rechtswidrigen Klauselauslegungen.
Was nun?
Prüfen Sie Ihren bestehenden Tarif auf die Mitwirkungsklausel und den vereinbarten Schwellenwert. Wenn dort „ab 25 %" steht, lohnt sich ein Tarifvergleich – denn der Unterschied im Schadensfall kann sechsstellig sein. In unserem kostenlosen Unfallversicherung-Vergleich sehen Sie auf einen Blick, welche Tarife auf die Anrechnung des Mitwirkungsanteils verzichten.
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Häufig gestellte Fragen
Was ist ein Mitwirkungsanteil in der Unfallversicherung?
Der Mitwirkungsanteil beschreibt den Grad, in dem eine vor dem Unfall bestehende Krankheit oder ein Gebrechen an der Gesundheitsschädigung oder deren Folgen mitgewirkt hat. Wird etwa bei einer Knieverletzung festgestellt, dass eine vorbestehende Arthrose zu 40 % mitgewirkt hat, kann der Versicherer die Leistung um diesen Anteil kürzen – sofern der vertragliche Schwellenwert erreicht ist. Die Rechtsgrundlage ist § 182 VVG.
Wann darf der Versicherer die Leistung kürzen?
Der Versicherer darf die Leistung kürzen, wenn einer von vier Gründen vorliegt: Mitwirkung einer Vorerkrankung (Mitwirkungsanteil), vorbestehender Dauerschaden am selben Körperteil (Vorinvalidität), grobe Fahrlässigkeit bei der Unfallverursachung oder Verletzung vertraglicher Obliegenheiten wie Meldepflichten und Fristen. Bei jedem dieser Gründe trägt der Versicherer die Beweislast.
Wie hoch kann die Leistungskürzung ausfallen?
Die Kürzung reicht von einer anteiligen Minderung bis zur vollständigen Leistungsfreiheit. Beim Mitwirkungsanteil wird die Invaliditätsleistung proportional gemindert, bei grober Fahrlässigkeit mit einer Blutalkoholkonzentration ab 1,1 ‰ kann die Leistung komplett entfallen. Besonders gravierend: Durch die Progressionsstaffelung wirkt sich selbst eine moderate Kürzung überproportional auf die Auszahlung aus.
Was ist der Unterschied zwischen Mitwirkungsanteil und Vorinvalidität?
Der Mitwirkungsanteil betrifft eine Krankheit oder ein Gebrechen, das am Unfallgeschehen oder an dessen Folgen mitgewirkt hat – die Kürzung erfolgt anteilig und erst ab einem vertraglichen Schwellenwert. Die Vorinvalidität dagegen erfasst einen bereits bestehenden Dauerschaden am selben Körperteil und wird als direkter Abzug vom Invaliditätsgrad berechnet, unabhängig davon, ob der Vorschaden am Unfall mitgewirkt hat.
Kann ich den Mitwirkungsanteil im Tarif ausschließen?
Ja. Viele Versicherer bieten Tarife an, die entweder den Schwellenwert auf 50 %, 75 % oder sogar 100 % anheben oder vollständig auf die Anrechnung des Mitwirkungsanteils verzichten. Ein solcher Verzicht kostet in der Regel nur wenige Euro mehr pro Monat und ist eine der wirksamsten Maßnahmen gegen Leistungskürzungen.
Was kann ich tun, wenn meine Leistung gekürzt wurde?
Fordern Sie zunächst die vollständige Schadenakte inklusive aller Gutachten an. Prüfen Sie, ob der Versicherer seine Belehrungspflicht nach § 186 VVG erfüllt hat, und lassen Sie das Gutachten medizinisch überprüfen. Als kostenlose erste Anlaufstelle eignet sich der Versicherungsombudsmann, bei höheren Streitwerten ein Fachanwalt für Versicherungsrecht. Die Beweislast für die Kürzung liegt beim Versicherer – viele Kürzungen halten einer fachlichen Überprüfung nicht stand.









